Geschichte

Die 1812 gegründete Gesellschaft der Musikfreunde des österreichischen Kaiserstaates (heute: Gesellschaft der Musikfreunde in Wien) hat sich im wesentlichen drei große Aufgaben gestellt:
  • die Veranstaltung von Konzerten
  • das Sammeln von Material aller Art zur Dokumentation der Musik und des Musiklebens
  • die Führung eines Konservatoriums.
Letzteres, oft auch als Wiener Konservatorium bezeichnet, entwickelte sich zur führenden musikalischen Ausbildungsstätte der Österreichisch-Ungarischen Monarchie, musste aber, für die Trägerschaft durch einen privaten Verein zu groß geworden, 1909 in staatliche Leitung übergeben werden; es wurde zuerst zur Akademie und schließlich zur heutigen Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien. Die beiden anderen selbst gestellten Aufgaben erfüllt die Gesellschaft der Musikfreunde heute wie ehedem auf Vereinsbasis organisiert privat und unabhängig. Ihr Haus ist der sogenannte "Musikverein" (Wien I, Bösendorferstraße 12), nach Plänen von Theophil Hansen errichtet und 1870 eröffnet. Es ist das dritte eigene Gebäude in der Geschichte der Gesellschaft.

Die dokumentarisch-wissenschaftlichen Ziele werden in Archiv, Bibliothek und Sammlungen der Gesellschaft der Musikfreunde erfüllt, freilich kurz oft nur "Archiv" genannt. Diese historische Dreiteilung ist inhaltlich wie folgt gegliedert:

Archiv: Musik- und Briefautographe, Musikmanuskripte, das eigetliche Akten-Achiv zur Geschichte der Gesellschaft und des Konservatoriums (mit Schülermatrikeln).

Bibliothek: handschriftliche und gedruckte Bücher (inklusive mittelalterliche Musikhandschriften und Tabulaturen), Gesangsbücher, Zeitschriften und andere Periodika, Libretti, gedruckte Dokumente verschiedener Art.

Sammlungen: historische und außereuropäische Musikinstrumente, musikalische Erinnerungsgegenstände, Portrait- und Bildsammlungen (Portraits, topographische, zeitgeschichtlich, musikalische und theatralische Darstellungen in Ölbildern, Aquarellen, Zeichnungen, allen druckgraphischen Techniken und Photographien), Büsten, Statuetten, Reliefs und Medaillen.

Der Beginn der Sammeltätigkeit fällt in jene Zeit, da sich eben der musikalische Historismus entwickelte, also z.B. außer Gebrauch geratenes Notenmaterial oder nicht mehr verwendete Musikinstrumente sammelwürdig erschienen. Der Bestand wurde und wird durch Ankäufe und Geschenke, im 19. Jahrhundert lange auch durch Überlassungen der Pflichtexemplare durch die Polizeibehörde ergänzt.

Die Verantwortung lag anfangs in den Händen von ehrenamtlich tätigen Mitarbeitern und Funktionären der Gesellschaft (unter denen sich so namhafte Persönlichkeiten wie Raphael Georg Kiesewetter oder Aloys Fuchs befanden) und seit 1865 in jenen besoldeter Archivdirektoren und deren Mitarbeiter. Unter ihnen waren namhafte Wissenschaftler wie Gustav Nottebohm, Carl Ferdinand Pohl, Eusebius Mandyczewksi und Karl Geiringer.

Der Bogen der Ankäufe spannte sich von der Bibliothek Ernst Ludwig Gerbers, in der wieder die Bibliothek Johann Gottfried Walthers enthalten war (1814), und der 1824 angekauften Musikinstrumentensammlung von Franz Glöggl über Erwerbungen aus dem Nachlass Ludwig van Beethovens und Franz Schuberts bis zu den im späten 19. Jahrhundert üblich gewordenen und bis in die Mitte der 1930er Jahre möglichen Ankäufen von besonderen Einzelstücken durch Mäzene. Nach einer Unterbrechung in der NS- und Nachkriegszeit kam es erst um die Mitte der 1970er Jahre zu einer kontinuierlichen und nennenswerten Fortsetzung der Sammeltätigkeit.

Diese Zäsur war eine zweifache. Nach der Auflösung („Stilllegung“) der Gesellschaft und deren nachfolgende Eingliederung in die Berliner „Staatstheater- und Bühnenakademie“ war geplant, diese Einrichtung, die immer noch den Namen „Gesellschaft der Musikfreunde“ führte, ausschließlich auf den Konzertbetrieb zu konzentrieren. Die Musikinstrumenten-Sammlung wurde in das Kunsthistorische Museum verbracht. Archiv und Bibliothek sollten in die Nationalbibliothek überführt werden (wozu es letztendlich nicht gekommen ist). Jede aktive Sammeltätigkeit war den von den neuen Machthabern übernommenen Mitarbeitern erst gänzlich untersagt. Schließlich wurde ihnen gestattet, solange sich Archiv und Bibliothek im Musikvereinsgebäude befinden, wie bisher allfällige Geschenke anzunehmen, allerdings mit folgenden Einschränkungen: nur geringwertige und keine aus jüdischem Besitz bzw. jüdischem Vorbesitz. Höherwertige Geschenke und Objekte aus jüdischem Besitz waren anderen Institutionen vorbehalten. Im Mai 1945 wurde die Gesellschaft als unabhängiger Verein wieder errichtet. Schwere Kriegsschäden am Gebäude, der schwierige Wiederaufbau eines Konzertbetriebes und alle wirtschaftlichen Probleme dieser Zeit haben eine lange Konsolidierungsphase erfordert, die mit etlichen Rückschlägen bis in die sechziger Jahre dauerte. So zweifelte man zum Beispiel, ob man die im Kunsthistorischen Museum befindliche Musikinstrumentensammlung überhaupt zurück übernehmen könne, sodass es erst 1971 zu einer teilweisen und 1988 zur völligen Rückgabe kam. Erst in den siebziger Jahren kam es zur langsamen Wiederaufnahme einer gezielten programmatischen Sammeltätigkeit für Archiv, Bibliothek und Sammlungen durch Ankäufe oder mit dem Bemühen um spezielle Geschenke bzw. Nachlässe.

Neben den bereits erwähnten Beispielen für Ankäufe waren auch Geschenke von Anfang an für den Aufbau der Bestände wesentlich. Oft kamen wesentliche Stücke von Einzelpersonen, entscheidend für den wachsenden Ruf der Bestände waren aber Nachlässe. Herausgehoben seien nur die Nachlässe von Erzherzog Rudolph von Österreich (1831), Joseph Sonnleithner (1835), Carl Czerny (1857), Joseph Ritter von Spaun (1865), Simon Sechter (1867), Leopold von Sonnleithner (1873), Ludwig Ritter von Köchel (1877), Graf Victor Wimpffen (1892), Johannes Brahms (1897), Nicolaus Dumba (1900), Ludwig Bösendorfer (1919), Alfred Grünfeld (1927) und nach einer langen Pause jener Gottfried von Einems (als Vorlaß 1979), von Francis Burt (1981 als Vorlaß), Karl Pfannhauser (1984), Immogen Fellinger (2001) und Ernst Märzendorfer (2009). Selbst von den namhaften Geschenkgebern, die Bestände aus eigenem Besitz überließen, können hier nur einige in Auswahl genannt werden: Die Stadt Lübeck (1814), Georg August Griesinger (1814), Raphael Georg Kiesewetter (mehrmals), Aloys Fuchs (vielmals), Erzherzog Leopold Ludwig von Österreich (1865), Joseph Dessauer (1870), Kaiser Franz Joseph I. (1879, 1905), Familie Haslinger (1887), Dr. Joseph Standthartner (1888), Marie Schumann (1913), Else Billroth (1915), Alma Maria Gropius-Mahler (1917), Erich Wolfgang Korngold (1917, 1937), Monsignore Dr. Karl Weczerzik-Planheim (1923, eine Violine von Franz Geissenhoff, deshalb bemerkenswert, weil dies das einzige Streichinstrument gängigen Typs bzw. üblicher Bauart war und bis Ende des 20. Jahrhunderts blieb, das in die Musikinstrumentensammlung aufgenommen wurde), Anton von Webern (1937), Anthony van Hoboken (1977), H. C. Robbins Landon (2002), Renate und Kurt Hofmann (2002), Gottfried Scholz (2007, 2014).

Obwohl nach den ursprünglichen Intentionen "Musik in allen ihren Zweigen" gesammelt und dokumentiert werden sollte, also ohne zeitliche und räumliche Einschränkung, und hier tatsächlich auch Quellen zur englischen, französischen, italienischen und osteuropäischen Musikgeschichte vorhanden sind, haben sich in der Bestandentwicklung doch Schwerpunkte ergeben, die etwa wie folgt betitelt werden können: Renaissance- und Frühbarock, italienische Barockoper, Wiener Vorklassik und Klassik, Franz Schubert, Robert Schumann, Johannes Brahms und sein Kreis, Gustav Mahler, österreichische Musik des 20. Jahrhunderts.

Das weit gesteckte Sammelgebiet macht die Bestände auch für die Kunst-, Literatur-, Kultur- und Sozialgeschichte interessant.